Music Mail 01.2008
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Russolo
 
  Luigi Russolo (1885-1947) mit Instrumnten der futuristischen Geräuschmusik (Intonarumori)  
 
Thermen
 
  Leon Theremin (1896-1993) an dem von ihm erfundenen ersten elektronischen Musikinstrument Theremin  
 
stockhausen
 
  Karlheinz Stockhausen (1928-2007) im Studio für elektronische Musik des WDR
Foto: © WDR
 
 
Kraftwerk
 
  LP-Cover »Autobahn« von Kraftwerk (1974)  
 
Aphex Twin
 
  Aphex Twin alias Richard D. James  
Die Geschichte der Elektronische Musik:
Von der Geräuschkunst zum Techno-Fieber

Um den Ursprung der elektronischen Musik zu ermitteln, müssen wir bis an den Beginn des letzten Jahrhunderts zurückkehren, als sich die Industrialisierung in Europa durchgesetzt hatte. Maschinen- und Fabrikgeräusche gaben den Rhythmus der Zeit vor: »Wir finden viel mehr Befriedigung in der Geräuschekombination von Strassenbahnen,  Auspufflärm und lauten Menschenmassen, als beispielsweise im Einüben der 'Eroica' oder 'Pastorale'.«, schrieb damals der Maler und Musiker Luigi Russolo, Mitbegründer des italienischen Futurismus, in seinem 1913 veröffentlichten Manifest »Die Kunst der Geräusche«.
 
Ein paar Jahre später kamen durch die Erfindung der Verstärkerröhre von Robert von Lieben die ersten elektronischen Instrumente auf den Markt. So konstruierte z. B. der russische Physiker und Radiopionier Lew S. Thermen 1920 das nach ihm benannte Theremin, ein Vorläufer des Synthesizers. In den 30er Jahren führte der deutsche Musiker und Akustiker  Friedrich Trautwein in der Staatlichen Musikhochschule Berlin ein elektrisches Musikinstrument vor, das unter dem Namen Trautonium Furore machen sollte. In Amerika entwickelte der Ingenieur Laurens Hammond zwischen 1933 und 1934 das erste elektromechanische Tasteninstrument, die sogenannte Hammond-Orgel.

Von hier aus zogen sich in den 40er und 50er Jahren weitere wichtige Entwicklungslinien für die Entstehung der elektronischen Musik: So etwa der Komponist Edgar Varèse, der von der futuristischen Musikanschauung entscheidende Impulse erhielt, oder die amerikanische Tape-Music-Gruppe u. a. mit John Cage – und seinen präparierten Klavierklängen –, Vladimir Ussachevsky und Otto Luening und natürlich Pierre Schaeffers Musique concrète, dessen Geräuschmontagen versuchten, eine für das Medium Rundfunk typische, sozusagen hörspielgemäße »Musik der Geräusche« zu realisieren.

Der Begriff elektronische Musik wurde dann erstmalig 1949 von Werner Meyer-Eppler verwendet: Anfang der 50er Jahre begann sich eine Gruppe von Komponisten um ihn und Herbert Eimert mit elektronischer Musik zu beschäftigen. Diese Art von Musik, sollte nicht mehr für Instrumente oder Stimmen komponiert und von Interpreten aufgeführt werden, sondern deren Klänge vielmehr ausschließlich aus Generatoren stammen und mit Mitteln der elektroakustischen Studio- und Tonbandtechnik vom Komponisten selbst verarbeitet wurden. Ein bedeutender Pionier in dieser Gruppe war Karlheinz Stockhausen. Sein Grundsatz »Alle Klänge und Geräusche sind Musik« setzte er in komplexe Montagen aus natürlichen und synthetischen Klängen um.
 
1968 spielte in den USA Walter (später Wendy) Carlos auf dem von Robert Moog erfundenen ersten analogen Synthesizer eine Platte mit Bachstücken ein. »Switched On Bach« wurde zum Bestseller und machte so den Moog-Synthesizer weltweit bekannt. Wendy Carlos war später auch für die Soundtracks zu den Kinoklassikern »A Clockwork Orange« und »Thron« verantwortlich.
 
In Deutschland erzielten Anfang der 70er Jahre die Musiker Ralf Hüter und Florian Schneider mit ihrer Band Kraftwerk schon erste Erfolge, bevor 1974 ihr fünftes Album »Autobahn« sie zur bekanntesten Synthesizerband der Welt machte. Hüter und Schneider hatten im Laufe der Jahre zu einer bis dahin kaum gehörten Einfachheit gefunden. Sie basierte auf dem Gedanken, der Künstler solle in einer Zeit digitaler Maschinen als eine Art Ingenieur fungieren.
 
Weitere bedeutende Protagonisten der elektronischen-Musik-Szene in diesen Jahren  waren u. a. Brian Eno, Vangelis, Jean-Michel Jarre, Klaus Schulze und Tangerine Dream, weil vor allem sie es immer wieder verstanden, ihre Musik in Landschaften aus Synthethesizer-Klängen zu verpacken, welche die Zuhörer in andere Sphären zu transportieren schienen. Außerdem wurde in besagter Zeit das Genre Electronic Rock immer populärer, mit dem sich vor allem Bands wie Emerson, Lake & Palmer und Pink Floyd identifizierten. Den weltweiten ersten Synthesizer-Hit  brachte George Kingsley alias Hot Butter 1972 mit dem Titel »Popcorn« auf den Markt.
 
Anfang der 80er Jahre tauchte – aus England kommend – der Begriff »Synth-Pop« auf. Die wichtigsten Bands hießen Depeche Mode, Human League, New Order, Pet Shop Boys oder Soft Cell und erschufen ein Schema von Mainstream-Musik, das vom Beat bis zur Harmonie auf Synthesizer baute.
 
In Amerika hatten Bands wie Devo oder The Residents bereits in den siebziger Jahren mit elektronischen Klängen experimentiert und dabei für Spaß und Verwirrung in der Szene gesorgt. Avantgardistisch arbeitete die Multimedia-Künstlerin Laurie Anderson: Sie setzte sich in ihren Performances und Kompositionen ironisch mit dem Fortschritt auseinander und landete trotzdem mit dem Synthiesong »O Superman« 1981 einen weltweiten Charterfolg. Aus Mitgliedern einer ehemaligen Aktionskunstgruppe war einige Jahre zuvor die Band Throbbing Gristle entstanden, die wohl bedeutendsten Vertreter des klassischen »Industrial«. Sie gründeten in England das erste unabhängige Label »Industrial Records«, und gaben damit dieser Musikrichtung ihren Namen: Eine Musik, die Industrielärm und Umweltgeräusche mit elektronischen Hilfsmitteln verarbeitet.
 
Mitte der 80er Jahre produzierten die schwarzen Musiker und Produzenten Juan Atkins und Richard Davies in der amerikanischen Autometropole Detroit den Track »Techno City«, womit sie ihrer Musik einen Namen gaben und gleichzeitig ein neues Genre erschufen. Atkins und andere Detroiter DJs wie Kevin Saunderson und Derrick May verbanden die Produktionsmethoden der in Chicago und New York entstandenen House Music mit Einflüssen elektronischer Musik à la Kraftwerk, englischer New Wave-Bands und afroamerikanischer Funk-Musik.
 
Techno eroberte Anfang der 90er Jahre dann buchstäblich im Sturm die elektronische Tanzmusik-Szene, vor allem in den Industriezentren der USA und Europas. Dieser neue Musikstil splitterte sich dabei in eine Reihe von Untergattungen auf: Ambient, Breakbeat, Gabber, Goa, Hardcore-Techno, Jungle, Tekkno, Trance und Tribal. Aufgrund dieses Variantenreichtums gab es natürlich auch viele bedeutende Musiker und DJs, die ständig mit neuen Produktionen eine immer größer werdende Techno-Gemeinde versorgten: Richard D. James alias Aphex Twin, Jeff Milles, Goldie oder Carl Craig seien an dieser Stelle stellvertretend erwähnt. Auch Deutschland wurde vom Techno-Fieber gepackt und hatte seine international anerkannten Protagonisten: Sven Väth, WestBam, Marusha, Dr. Motte u. a. sorgten dafür, dass Städte wie Berlin oder Frankfurt zu ausgesprochenen Techno-Hochburgen wurden.

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